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Im Gespräch: Susanne Hehenberger von der Sinfonietta da Camera Salzburg

Susanne HehenbergerKinder sind mit zehn Jahren – in aller Regel – aus dem sprichwörtlich Gröbsten heraus, und wenn ein Ensemble seinen zehnten Geburtstag feiern kann, gilt das sicher nicht weniger. Die Sinfonietta da Camera Salzburg zelebrierte vor rund zwei Wochen eben dieses Jubiläum – mit einem Konzert, das für Susanne Hehenberger eine besondere Freude war. Wir sprachen mit der Konzertmeisterin der „SinDaCa“ über spontane Orchestergründungen, über Vampire und die nötige Vorsicht beim Spiel con sordino

Zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum der SinDaCa! Wie war das Konzert, mit welchen Stücken habt ihr die ersten zehn Jahre eures Ensembles gefeiert?

Das Konzert war sehr schön, ein großer Erfolg, auch wenn nicht so viele Zuschauer da waren. Wir haben mit Mozarts A-Dur Symphonie KV 201 begonnen. Dann kam das 2. Violakonzert von Sally Beamish mit dem Solisten Peter Langgartner. Nach der Pause gab es Beethovens Symphonie Nr. 3, die „Eroica“ – das war ein sehr lang gehegter Wunsch von mir, diese Symphonie einmal spielen zu dürfen.

Das ist ein schönes und vor allem weit gestecktes Programm – die Referenz an Mozart versteht sich bei euch ja fast von allein, aber wie kamen die Eroica und dann noch ein modernes Viola-Konzert dazu?

Wir versuchen immer, auch neuere Stücke zu spielen. Speziell dieses Violakonzert hat unser Chefdirigent Peter WesenAuer, der ja auch Komponist ist, zufällig entdeckt, es hat ihm gefallen und wir hatten auch schon länger vor, Peter Langgartner einmal als Solisten zu engagieren. Er willigte ein, da er auch gerne neue Konzerte einstudiert. Besonders dieses Stück wurde erst einmal aufgeführt, von Tabea Zimmermann, der es auch gewidmet ist, mit dem Scottish Chamber Orchester. Und Beethoven war wie gesagt, ein Kindheitstraum von mir, es war die erste Symphonie, die ich in der Schule näher kennenlernte, als wir sie mit Partituren und oftmaligem Anhören analysierten. Da erkor ich sie zu meiner Lieblingssymphonie (außer Mozart). Zum Jubiläum durfte ich mir ein Stück aussuchen – das war die „Eroica“.

Ein Wunschkonzert der besonderen Art also …

Ja! Üblicherweise gibt es schon einen roten Faden durch unsere Konzerte, oder ein „Motto“ wenn man so sagen will.

Das Konzept der SinDaCa – Mozart und Komponisten der Mozart-Zeit – ist also nicht starr zu verstehen, was man ja ohnehin nicht tun sollte, wenn es um Mozart geht. Ihr habt euch in diesen zehn Jahren fraglos einen guten Ruf erarbeitet, und seid u. a. für eure „stilgerechte Aufführungspraxis“ gelobt worden – was versteht ihr darunter, wie setzt ihr diese Maxime um?

Wir spielen ja nicht „Originalklang“, da wir auf modernen Instrumenten spielen. Wir versuchen aber, dem Aufführungsstil der Zeit gerecht zu werden, indem wir zum Beispiel bei Mozart oder auch Barockmusik sehr wenig Vibrato verwenden, Phrasierungen „anpassen“. Unser Chefdirigent beschäftigt sich viel mit der Aufführungspraxis, sucht sich dann seine Ideen heraus und kann uns das sehr gut näherbringen und uns mitreißen. Mozart klingt bei uns anders als Beethoven, und anders als moderne Musik. Es wurde uns auch schon von Originalklang-Experten bestätigt, dass zum Beispiel unsere Interpretation von Händel sehr gut gelungen ist. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, findet in unserem YouTube-Kanal zwei Kostproben, aufgenommen 2009 in Dubai: Eine Arie aus „Rinaldo“ und die die Ouverture zu „Rodelinda“.

Eine schöne, diplomatische Antwort! Sicher sollte man nie zu viele Dogmen aufstellen, sondern nach dem Konzept suchen, das künstlerisch am meisten überzeugt. Was war vor zehn Jahren die Idee zur Gründung der SinDaCa, wie kam es dazu? Du bist doch von Anfang an dabei, richtig?

Ja, ich bin Gründungsmitglied. Der Beginn war eine China-Tournee: Das ursprünglich geplante Orchester musste aus Termingründen absagen – China ist da etwas anders, der Termin wurde ziemlich oft hin und hergeschoben. Peter WesenAuer sollte dirigieren und meinte, die ganze Sache abzublasen wäre schade. Also hat er sich auf die Suche nach Musikern gemacht. Ich kam durch Zufall dazu. Die Tournee machte viel Spaß und wir hatten auch große Erfolge, deshalb beschlossen wir, als fixes Orchester weiterzumachen.

Ein Start als Ad-Hoc-Orchester – wie habt ihr das Ensemble damals zusammengestellt?

So ungefähr nach dem Prinzip: „Kennst du jemanden, der nach China fahren will – dann frag den- oder diejenige doch bitte“. Peter hat auch an verschiedenen Universitäten und Musikhochschulen Aushänge gemacht, auf die sich Leute gemeldet haben. Wir waren also aus ganz Österreich bunt zusammen gewürfelt. Über das Auswahlverfahren kann ich nichts sagen, da war ich noch nicht involviert. Ich kam dazu, weil die Frau eines Trompeters, den ich aus der Studienzeit kenne, gemeint hat, er solle mich doch anrufen, ich wäre sicher gerne bereit, einmal für zwei Wochen sozusagen „Urlaub von der Familie“ zu haben. Mein jüngstes Kind, von drei, war damals genau ein Jahr alt.

Warst du von Anfang an Konzertmeisterin?

Ja, das ist aber auch Zufall, weil diejenige, die das machen sollte, kurzfristig abgesagt hat. Ich wusste bis zwei Tage vor der ersten Probe nichts von meinem Glück. Ich wurde ursprünglich gefragt, ob ich bereit wäre, zweite Geige oder Bratsche zu spielen. Grundsätzlich natürlich kein Problem. Aber da ich wusste, dass es sich um ein reines Lehar- Programm handelte, lehnte ich das ab. Das klingt jetzt überheblich, aber ich hatte keine Lust, ausschliesslich Nachschläge spielen zu müssen … Und ich hatte drei Jahre Kurorchestererfahrung als Konzermeisterin, da konnte ich ruhigen Gewissens sagen, ich würde nur erste Geige spielen wollen. Ich musste mir ja auch gut überlegen, ob ich meine Familie mit den kleinen Kindern so lange alleine lassen wollte, das musste dann schon wirklich Sinn machen, wenigstens musikalisch, denn Gage gab es keine.

Das klingt für mich so, dass ihr aus diesem unkonventionellen Start eine ziemliche Freiheit bezogen habt – immerhin macht ihr auch ganz ausgefallene Projekte, und da denke ich natürlich zu allererst an den Nosferatu“. Live-Musik zum Film ist ja immer eine besondere Herausforderung, selbst als Solist am Klavier oder an der Orgel. Wie aber macht man das mit einem Orchester?

Das ist eine spannende Geschichte. Schon bald nach unseren Anfängen erzählte mir Peter von seiner Arbeit an der Rekonstruktion der Filmmusik zu „Nosferatu“. Sie wurde von Hans Erdmann geschrieben und war verloren, da ja damals nach Erbschaftsstreitigkeiten alles verbrannt werden musste, die Filme und die Musik. Irgendwie blieben aber natürlich doch Teile übrig: Von Hans Erdmann gibt es ein „Allgemeines Handbuch der Filmmusik“, Skizzen zu „Nosferatu“ und „Fantastisch Romantische Suiten“. Daran orientierte sich Peter, und es entstand die Rekonstruktion.

Dann ist es schon eine ziemliche Kleinarbeit, genau richtig zum Film zu spielen. Wir sehen ihn ja nicht, weil wir entweder direkt vor oder irgendwo neben der Leinwand sitzen, je nach den lokalen Gegebenheiten, und uns aufs Spielen konzentrienen müssen. Der Dirigent hat einen Laptop vor sich, mit einem Timecode und er muss uns so genau dirigieren, dass die Musik immer zur richtigen Szene kommt. Das heißt, die meiste Areit liegt bei ihm, sich den Film anzusehen und genau zu wissen, zu welchem Zeitpunkt am Timecode das Orchester gerade welche Musik spielen muss und dementsprechend zu dirigieren. Kleine Abweichungen gibt es natürlich, aber da haben wir schon unsere Verfahren, das auszugleichen. Mittlerweile haben wir es schon ein paar mal gespielt und es funktioniert immer.

Spannend – gibt es in absehbarer Zeit eine Gelegenheit, euren Nosferatu zu sehen und zu hören? Und welche anderen Projekte sind aktuell geplant?

Im Moment ist leider keine Nosferatu Aufführung am Plan. Die nächsten Projekte sind unsere Auftritte im Rahmen des Salzkammergut Mozartfestivals. Das gibt es seit 2006 und die SinDaCa ist seit Anfang an das Orchester in residence. Wir bestreiten das Eröffnungskonzert am 21. Juli um 19:30 h in der evangelischen Kirche in Bad Goisern. Das Programm ist Mozarts Symphonie in g-Moll KV 550 und „Exultate, jubilate“ mit Monika Peer. Sie wird dann auch das Sopransolo im Requiem von John Rutter singen. Sie ist auch die Chorleiterin des Martins-Chores, der in Bad Goisern beheimatet ist.

Das zweite große Konzert wird die Operngala am 15. August sein, die in der evangelischen Kirche in Hallstatt stattfinden wird. Ein reines Puccini-Programm mit den Solisten Erin MacMahon, Sopran, und Pablo Cameselle, Tenor. Wolfgang Schillly, Abendspielleiter an der Wiener Staatsoper und Regisseur der Opernaufführungen des Festivals, wird aus „Die kleinen Gärten des Maestro“ lesen.

Dieses Jahr ist wieder ein „Opernpausenjahr“, um neue Kräfte und Geldmittel für die in den kommenden beiden Jahren geplante Don-Giovanni-Produktion zu gewinnen. Das dritte Konzert für uns ist die Schlussmatinee am Sonntag, 19. August. Hier steht wieder eine Uraufführung auf dem Programm: Das Hornkonzert des jungen Salzburger Komponisten Jakob Gruchmann. Der Solist wird Willi Schwaiger sein, Solohornist im Mozarteum-Orchester Salzburg. Ausserdem spielen wir „Rakastava“ eine Suite von Jean Sibelius für Streicher, Pauken und Triangel, Mozarts Mailänder Symphonie KV 159 und Edvard Grieg „Aus Holbergs Zeit“. Das sind unsere nächsten größeren Projekte.

Wie man sieht, ist die Tätigkeit als Konzertmeisterin der Sindaca alles andere als anspruchslos – aber du bist ja auch in weiteren Kontexten unterwegs – wo ist Susanne Hehenberger noch zu hören, welche anderen Projekte verfolgst du persönlich?

Ich bin Geigerin im „Trio Tableaux“, das ist ein Klaviertrio. Wir treten hauptsächlich in Salzburg und im angrenzenden Bayern auf, da wir alle drei von hier stammen, hier leben und unterrichten.

Außerdem bin ich Primgeigerin im Carreño-Quartett, ein Streichquartett, das sich letztes Jahr geblidet hat. Der Anlass war eine Konzertreihe „Frauenstimmen“ der Maria-Anna-Mozart-Gesellschaft Salzburg, in deren Vorstand ich tätig bin. Wir sind zufällig auch vier Frauen und unsere ersten Auftritte hatten wir mit einem reinen „Frauenprogramm“ . Wir haben uns nach Teresa Carreño benannt, weil sie eine sehr faszinierende Komponistin und Frau war und wir ein Quartett von ihr spielten.

Im Rahmen des Zyklus „Frauenstimmen“ wird es auch am 28. Oktober ein sehr interessantes Programm geben, mit dem Titel „Die Nonne in der Welt der Musik – Die Musik in der Welt der Nonne“. Das Ensemble besteht aus Sopran, Violine, Violoncello, Akkordeon und Klavier/Cembalo. Es wird ein besonderes Klangerlebnis, denn das Programm reicht von Hildegard von Bingen über Schumann, Fanny Mendelssohn bis zu Sœur Sourire und zu Ani Choying Drolma, einer tibetischen Nonne.

Solistisch trete ich am 7. Juli wieder auf, in Hallstatt. Ich spiele mit der Begleitung des Gitarrenensebmles „Accordial“ ein Konzert von Gunsenheimer und gemeinsam mit einem Akkordeonisten ein Arrangement von James Moodys „Toledo“.

„Accordial“ wurde übrigens von Heinz Lichtmannegger gegründet, der auch die Musiklehrervereinigung leitet, an der ich in Laufen unterrichte. Das ist in Deutschland, aber nur ein paar km von Salzburg entfernt. „Accordial“ hat mich schon ein paar Mal als Solistin eingeladen.

Ach ja, und seit neuestem bin ich auch Mitglied der Twtrsymph! Das ist auch eine sehr spannende Geschichte! Chip Michael, ein amerikanischer Komponist hat sie Anfang März gegründet. Er schickt Noten und clicktracks zu den Musikern, die nehmen das eigenständig auf und er bastelt das dann zusammen. Das ist natürlich nicht immer leicht, weil alles ganz genau stimmen muss. Noch heikler, als livemusik zum Film! (lacht) Am Anfang gab es eine Audition, danach hat er die Musiker ausgewählt, die dabei sind. Ich durfte für den zweiten Satz seiner Symphonie die Einrichtung für die Streicher machen, das heißt, die Bogenstriche. Das muss ja trotzdem einheitlich sein, auch, wenn man das Orchster nicht sieht – oder eben dann ganz besonders, weil man genauer zuhört.

Wenn es einmal ein paar Momente ohne Musik gibt, wenigstens ohne Musik mit beruflicher Verpflichtung – wo bist du dann zu finden? Was beschäftigt Dich, wobei spannst du aus, was bringt die Balance ins Leben?

Ich bin am liebsten mit meinen Kindern zu Hause. Ich lese sehr viel, gehe eigentlich nie ohne Buch aus dem Haus. Meistens Krimis … Hin und wieder kann ich mich auch zu Sport aufraffen, Radfahren und Nordic Walking, im Winter Skifahren, aber selten. Sehr oft findest du mich auch auf dem Fussballplatz, mein Jüngster spielt noch aktiv im Verein …

Zum Schluss noch unsere rituelle Frage nach der „musikalischen Persönlichkeit an deiner Seite“ – gemeint ist dein Instrument. Was für eine Geige spielst du, wie hast du sie bekommen, was macht sie aus – und gibt es ein besonders schönes oder dramatisches Erlebnis zu berichten?

Meine Geige ist Italienerin, ein Nachbau aus der Guarneri-Familie, etwa 150 Jahre alt. Ich habe sie seit vielen Jahren, kann es eigentlich gar nicht genau sagen.

Wahrscheinlich eines jener Stücke, bei denen man ganz froh sein kann, die genaue Provenienz nicht zu kennen – sonst wird´s schnell teuer.

Stimmt! Sie gehörte einem Kollegen, der sie verkaufen musste, weil er sich selbst ein neues Instrument kaufen wollte. Sie hat mich schon fasziniert, als er sie noch spielte, und ich hatte ihm das Versprechen abgerungen, falls er sie verkaufen würde, mich zuerst zu fragen. Ich durfte sie einige Monate ausprobieren, war aber gleich im ersten Moment verliebt. Sie hat einen wundervollen, dunklen, warmen Klang – passt sowohl im Orchester, als auch solistisch und für die Kammermusik. Vor einigen Jahren ist während einer Probe mit dem Orchester der Steg umgefallen. Das war schon sehr dramatisch! Zum Glück ist der Stimmstock stehen geblieben und nichts weiter passiert, aber seitdem schiebe ich den Dämpfer immer besonders vorsichtig auf den Steg und wieder herunter – dabei ist das nämlich passiert. Der laute Knall hat natürlich alle geschockt und wegen mir musste die Probe unterbrochen werden …

Linktipp: Mehr über die Sinfonietta da Camera Salzburg ist auf der Ensemble-Website sindaca.com zu erfahren.
[Bildnachweis: Johann Ratzenböck, Mattighofen – mit freundlicher Erlaubnis]

Autor:

nce

Nils-Christian Engel ist begeisterter Amateur-Cellist

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